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Unser Erasmus-Semester in Oslo

Foto: Susanna Grafenauer

Accommodation and living conditions

Am Anfang des Jahres 2019 bewarben wir uns für ein SiO-Studentenwohnheim namens „Kringsjå Student Village“, welches etwas außerhalb des Stadtzentrums liegt. Ausschlaggebend für diese Entscheidung waren die positiven Erfahrungen einer Ex-Erasmus-Studentin des vorigen Semesters. Vor allem ihre Begeisterung und Erzählungen ließen uns vermuten, dass dieser Ort auch etwas für uns sein könnte. Die Nähe zur Natur, aber auch der deutliche Preisunterschied zu den anderen Wohnheimen und Wohngemeinschaften direkt in der Stadt waren Beweggründe.

Schon bald darauf bekamen wir eine Zusage und unsere weitere Planung konnte starten. Am 1. August ging es schließlich los, Sophie und ich flogen von Graz nach Oslo. Der Abschied fiel ungewohnt leicht, da Vorfreude und Abenteuerlust groß waren.

Nach einer langen Reise kamen wir in Kringsjå an. Wir waren sehr überrascht – gleich neben der Ausstiegstelle der „T-Bane“ befanden sich ein großer Outdoorsportpark, ein Supermarkt, ein Fitnessstudio und zirka 30 riesige Gebäude. Kringsjå ist also viel mehr ein eigenes Studentendorf als ein Wohnheim. Auf völlige Euphorie folgte kurz danach der erste Realitätsmoment. Trotz der vielen organisatorischen Vorbereitungen, mussten wir feststellen, dass wir die Schlüssel und Eingangskarte an einem anderen Ort abholen hätten sollen. Wir durften also auch gleich den hauseigenen Security-Dienst kennenlernen, welcher schmunzelnd zur Hilfe kam.

Foto: Susanna Grafenauer

Als wir nach einer gefühlten Ewigkeit dann endlich unsere Wohnung beziehen konnten, freuten wir uns sehr. Klein aber fein, im Küchenschrank ein norwegischer Käsehobel, eine Wok-Pfanne und unzählige Gewürze der Vormieter, was will man mehr…

Vor allem die gemütliche Küche mit großem Fenster sollte in den nächsten Monaten der Ort für zahlreiche lustige Abende und „Food Dates“ werden. Die erste Nacht war eher bescheiden, da wir weder Decke noch Kissen hatten. Auch sonderbar – im August ist die Mitternachtssonne noch voll am Werk und es wird gefühlt nie dunkel.

Wir starten den zweiten Tag also müde mit der Abholung der vergessenen Schlüssel und einem Ausflug zu Ikea. Hierfür gibt es kostenlose stündliche Shuttlebusse vom Hauptbahnhof. Nach langem Überlegen, was wir denn wirklich brauchen würden, den ersten norwegischem Lachsfilet und Kjøttboller, fuhren wir (natürlich wie nach jedem Ikea-Besuch) vollgepackt nachhause um unsere kahle Wohnung wohnhaft und heimelig zu machen. Uns fiel auf, dass uns trotz drei vollgefüllter blauer Ikea-Tüten einige Dinge fehlten. Um einer erneuten Kauf-Eskalation vorzubeugen, organisierten wir uns diese über eine Studentenflohmarktseite auf Facebook. Sehr praktisch, zufällig wohnte der Verkäufer gleich ober uns, so mussten wir Wasserkocher, Kleiderbügel und Co. nicht weit rumschleppen.

Nach zirka einer Woche hatten wir endlich alle „Haushaltsessentials“. Im Laufe der Monate kamen noch zahlreiche Kleinigkeiten dazu. Wie viele das tatsächlich waren, wurde uns erst beim Auszug bewusst – der anfänglich gehegte minimalistische Grundgedanke ging wohl irgendwo verloren.

Bis heute ist die Verbindung und Liebe für diesen Ort nicht verflogen. Praktisch, für norwegische Verhältnisse nicht alt zu teuer, gut durchgeplant und nur fünf Minuten vom traumhaften „Sognsvann“ entfernt. Dieser wunderschöne See lädt im Sommer zum Schwimmen und Laufen und im Winter zum Spazieren, Eis- und Langlaufen ein. Auch die meisten unserer Studienkolleginnen und -kollegen und viele andere Erasmus-Students wohnen hier, es wurde uns also nie langweilig.

Foto: Susanna Grafenauer

Da SiO nicht nur Studentenwohnheime, sondern auch Wohnungen und Kindergartenplätze an sozioökonomisch benachteiligte Familien mit Migrationshintergrund vergibt, wohnten wir hier nicht nur mit anderen Studierenden, sondern auch Familien. Es war schön zu sehen, wie Norwegen den Integrationsherausforderungen begegnet und wie gut dieses Zusammenleben in der Praxis funktioniert. Davon, vom öffentlichen Verkehrsnetz sowie natürlich auch vom Bildungssystem, können wir wohl einiges dazulernen…

Nur einen Katzensprung von unserem Wohnhaus befindet sich ein Supermarkt, ein Fitnessstudio und ein Kaffee namens „Union“, welches ziemlich humane Preise hegt. Hier finden viele Spiele- und Gemeinschaftsabende statt, weshalb sich das Leben in Kringsjå auch im Winter mehr als nur aushalten lässt. P.S. die Winter sind im Vergleich zu den hellen und lauen Sommernächten sehr dunkel, die Tage oft endlos lang. Vitamin D ist also ein mehr als sinnvoller Begleiter, wenn ihr vorhabt euer Semester in einem Nordland zu verbringen.

Dem Ende entgegen, beschäftigten wir uns ab Mitte Dezember mit dem Ausräumen und Putzen der Wohnung, den letzten offengebliebenen Museen, einigen Einkäufen (Souvenirs für Familie und Freunde, aber vor allem „Smash“, Zimtknäckebrot und unser geliebter „Brunøst“, was so etwas wie karamellisierter Käse ist). Auch das Zellebieren der norwegischen Saunenkultur kam nicht zu kurz.

The University and our Studies

Die ersten 11 Tage in Oslo wurden für Organisatorisches und um die Stadt kennenzulernen genutzt, auch zahlreiche Veranstaltungen der „Buddy-Week“ fanden statt. Unser Semester begann am 12. August. Die erste Herausforderung war es den Raum zu finden, da die Oslo Metropolitan University zahlreiche Gebäude und einen riesigen Campus hat. Was im Nachhinein betrachtet kein Wunder ist, mit rund 20.000 Studentinnen und Studenten und 2.100 Mitarbeitenden ist die OsloMet das größte staatliche Universitätskolleg Norwegens.

Den Studiengang „International Public Health“ besuchen zirka 250 Studierende, 30 davon waren Erasmusstudenten, welche den Lehrgang mit 15–30 ECTS absolvierten.

Foto: Susanna Grafenauer

Das Studium war in fünf Teile aufgeteilt, Teil 1–3 bestand aus verschiedensten Vorlesungen rund um Public Health und begleitenden Gruppenarbeiten. Hierbei wurden drei praktische Arbeiten, passend zu den Inhalten der Vorlesungen, erarbeitet und präsentiert. Diese Gruppen setzten sich aus einem bzw. einer Erasmusstudent/Erasmusstudentin und drei bis fünf norwegischen Studierenden zusammen. Das war vor allem eine gute Möglichkeit, um mit Einheimischen in den Kontakt zu kommen.

In Norwegen ist es ganz normal sich in seiner Freizeit an der Universität zu treffen und Anstehendes gemeinsam auszuarbeiten oder gemeinsam zu lernen. Es stehen zahlreiche Möglichkeiten zur Verfügung z. B. gemeinschaftliche Räume, zahlreiche Cafeterien, in denen man einen echt guten Kaffee bekommt usw. Den geeigneten Raum oder Bibliotheksplatz bucht man einfach digital mit dem eigenen Studienaccount über eine Art Organisationsplattform namens „Canvas“. Das, verschiedenste Promotionsveranstaltungen, Flohmärkte etc. machen es einem also echt einfach sich auf die Uni zu freuen.

Auf „Canvas“ werden die bevorstehenden Studieninhalte, Dokumente wie auch der persönliche Terminkalender angezeigt. Aber dieses geniale System lässt noch viel mehr zu, bspw. konnte ich dort auch die Druckerkarte aufgeladen, Prüfungsergebnisse, Durchschnittsdiagramme meiner Leistungen, Angebote der Cafeteria und vieles mehr durchforsten. Auch die erarbeiteten Projekte werden hier (vergleichbar mit Moodle) hochgeladen und können so anschließend direkt präsentiert werden.

Die Gruppenarbeiten bestanden aus ziemlich viel Literaturarbeit und Reports verschiedenster Studien. Deren Ziel war jedoch immer eines – Prävention. Wie wir auch im weiteren Studienverlauf lernten, ist Prävention das Zentrum der Public Health. Das wohl größte Projekt war ein Präventionsprogramm gegen den Alkohol- und Drogenkonsum norwegischer Jugendlicher. Dieser Workshop wurde von SiO finanziert, die kreativste und beste Innovation wurde sogar finanziert und umgesetzt. Vor allem durch diese Aufgabe bin ich sehr gewachsen, da sich die NorwegerInnen meiner Gruppe nicht wohl vor großem Publikum und mit der englischen Sprache fühlten. Deshalb präsentiere ich unserer Idee einer App vor dem SiO-Komitee, dem Public Health Studiengang und Tutoren. Zwar gewannen wir nicht, aber trotzdem habe ich in diesen ersten drei Teilen enorm viel Erfahrung und Wissen gesammelt. Vor allem durch die Vernetzung und Wiederholung der Inhalte konnte ich viel im Gedächtnis behalten.

Die Prüfung der ersten drei Teile und somit aller Vorlesungsinhalte und Projektarbeiten erfolgte am 25.10. und umfasste eine 30-minütige mündliche Prüfung mit der Institutsleitung und einer Tutorin. Der Druck war sehr groß, da wir sehr viel Stoff hatten und diese Art von Prüfungen nicht gewohnt sind. Wir fühlten uns wie zurückversetzt in unser Maturajahr. Von den 16 „Learning Outcomes“, welche das ganze Spektrum rundum ein Semester Public Health abdeckten, wurde eines gezogen. Dieses Thema musste dann im „Prüfungsgespräch“ beantwortet werden. Dabei wurden viele theoretische und praxisverbundene Fragen gestellt. Aber auch Fragen zur Umsetzung im nationalen und internationalen Gesundheitssystem, über die gegenwärtige Situationen und der eigenen Profession.

Foto: Susanna Grafenauer

Ich besuchte auch einen Norwegisch-Kurs, der während des Semesters jeden Dienstag und Donnerstag stattfand. Um die 5 ECTs dafür zu erhalten, musste eine schriftliche und eine mündliche Prüfung ablegen werden. Die Schriftliche beschäftigte sich vor allem mit der Grammatik. Bei der mündlichen Prüfung wurden mir Fragen zu meiner Person, meines Auslandsemesters, meinem Tagesablauf und meiner Familie gestellt.

Nach der Prüfung nahm die Zeit, die wir auf der Uni verbrachten stetig ab. Wir machten einige Fieldtrips unter anderem zu einem „Projekthaus“ für Personen mit psychischen Erkrankungen, einem Startup, welches sich mit „Lowbarrierjobs“ für Flüchtlinge beschäftigt und einem Projekt, welches sicherstellt, dass alle Kinder in Oslo eine angemessene Sportausrüstung haben und somit mehr Zeit mit körperlicher Aktivität verbringen können.

Für eine Seminararbeit mit empirischem Teil, können wir uns für eines der drei Projekte entscheiden. Mich begeistere vor allem das Flüchtlingsprojekt. Also begannen wir unsere Arbeit im Viererteam.  Dabei wollten wir die Frage klären, in wie fern der Arbeitsplatz des „Sykkelhub D20“ einen Beitrag zur Integration in die norwegische Gesellschaft leistet. Die Arbeit umfasste insgesamt 42 Seiten und kam zu der Conclusio, dass eine sinnhafte Beschäftigung mit einem freundschaftlichen, sicheren und hilfsbereiten Umfeld einen enormen Wert auf vielerlei Ebenen hat. Auch dass sich die interviewten Flüchtlinge sehr gut integriert und unterstützt fühlen.

Am 11.12. war die Endversion fertig, welche wir in der Folgewoche vor unseren KommilitonInnen, den Studiengangsleitungen und den UnternehmerInnen präsentierten. Wie im gesamten Semester bekamen wir ein sehr detailliertes und aufschlussreiches Feedback, einige Verbesserungsvorschläge aber auch viel Lob. Danach fand unser Abschlussessen statt, es wurde sentimental. Personen, die einen ein halbes Jahr begleitet hatten, liebgewonnen Mitstudenten und Mitstudentinnen, die man jetzt erstmal für eine unbestimmte Zeit oder gar nie wiedersehen würden – ein komisches Gefühl. Danach folge unsere Abschlussfeier im Studentenwohnheim. So beendeten wir unser Semester im nun sehr winterlichen und kalten Oslo, das für mich immer eine ganz besondere Form von Heimat bleiben wird.

Leisure time

Unsere Freizeit verbrachten wir recht unterschiedlich. Oft wurden gemeinsam gekocht, gespielt oder auch die zahlreichen Kultur- oder Sportmöglichkeiten ausgenutzt. Auszugehen, auswärts zu essen oder zu trinken wurde während des Semesters eher ein Privileg, da das Preisniveau in Norwegen sehr hoch ist. Nichts desto trotz, wir verbrachten eine tolle Zeit in Oslo und wir hatten viele schöne Tage und Abende. Und wenn wir uns ehrlich sind, passieren die lustigsten Feiern doch immer in der Küche, oder?

Foto: Susanna Grafenauer

Es verging kein Monat, in dem wir beide keinen Besuch von Freunden oder unserer Familie hatten. Dadurch konnten wir Oslo und seine Sehenswürdigkeiten als „Touri-Guides“ erkunden.

Wir nutzen unsere freien Wochenenden und -tage vor allem um zahlreiche Städtetrips zu unternehmen und kamen dabei viel herum. Reisen mit dem Flixbus sowie Flüge mit der Norwegian Airline sind sehr günstig im Vergleich zu den restlichen Preisen. Bergen, Stockholm, Kopenhagen, Göteborg – alles wunderschöne, charmante Städte. An dieser Stelle rückwirkend ein großes Sorry ans Klima!

Auf den zwei Roadtrips, einem im Sommer und einem im Winter, lernte ich die gewaltige und unberührte Natur Norwegens kennen und lieben. Auch den Unterschied zwischen den zwei Jahreszeiten zu sehen war überwältigend. Während man im Sommer noch Campen und tolle Wanderungen unternehmen kann, war dies im Winter, wo wir auf den Lofoten waren, schlichtweg unmöglich. Die drei Stunden Tageslicht, die uns dort zur Verfügung standen, nutzten wir anders. Für mich war vor allem der Camp-/ und Wandertrip im Sommer ein persönliches Highlight. Ich glaube, davon werde ich noch meinen Enkeln erzählen…

Foto: Susanna Grafenauer

Auch unser ESN-Ausflug nach Finnland, Lappland war perfekt organisiert, wunderschön und super lustig, trotz 25-stündiger Busfahrt. Leider kamen wir nicht in den Genuss der Nordlicher, die man dort beim „Aurora-Hunten“ angeblich besonders häufig sehen kann. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben!

Wir beide sind unendlich froh, dass wir die Möglichkeit und die nötige Unterstützung hatten, um diese Erfahrung zu machen und können nur jedem/jeder sagen: Macht es!

Wir verließen Oslo mit einem lächelnden und weinenden Auge. Im Sinne von sei nicht traurig, weil es vorbei ist, sei dankbar, dass du da warst.

Danke für alles und auf ein baldiges Wiedersehen. Ha det bra, Oslo!

Autorin: Susanna Grafenauer

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